
Klaus Schönberger (* 1959 in Marbach am Neckar) ist ein deutscher Kulturanthropologe (Empirische Kulturwissenschaft / Volkskunde). Von 2015 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im März 2026 war er Universitätsprofessor für Kulturanthropologie am Institut für Kulturanalyse der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt / Celovec. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen kulturwissenschaftliche Technikforschung, Protest- und Erinnerungskulturen sowie Transkulturalität, insbesondere im Alpen-Adria-Raum. Er ist zudem für sein gesellschaftliches Engagement und seine Beteiligung an öffentlichen Diskursen bekannt.
Leben und Wirken
Schönberger studierte von 1978 bis 1986 Empirische Kulturwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Neuere Geschichte (Osteuropa) an der Universität Tübingen sowie in Aix-en-Provence und schloss das Studium mit dem Magister Artium ab. Von 1991 bis 1996 war er wissenschaftlicher Angestellter am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur (FATK) und am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. 1994 wurde er in Tübingen im Fach Empirische Kulturwissenschaft mit einer Arbeit über die Arbeitersportbewegung (Arbeitersportbewegung in Dorf und Kleinstadt, 1995) promoviert.
Von 1997 bis 2001 arbeitete er am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen, anschließend von 2001 bis 2003 als Senior Researcher an der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg in Stuttgart. 2004 war er Gastwissenschaftler der Forschergruppe „Neue Medien im Alltag“ an der TU Chemnitz. Von 2005 bis 2008 koordinierte er das Netzwerk „Kulturwissenschaftliche Technikforschung“ am Institut für Kulturanthropologie und Volkskunde der Universität Hamburg. 2010 habilitierte er sich an der Universität Hamburg im Fach Kulturanthropologie / Volkskunde.
Von 2009 bis 2014 lehrte Schönberger als Professor für Kulturtheorie im Department Kunst und Medien der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). 2015 folgte er dem Ruf auf die Professur für Kulturanthropologie im Studiengang Angewandte Kulturwissenschaft / Transkulturelle Studien am Institut für Kulturanalyse der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Das Institut leitete er von 2016 bis 2023 als Vorstand, anschließend als stellvertretender Vorstand. Im März 2026 trat er in den Ruhestand.
Zu seinem sechzigsten Geburtstag (2019) veröffentlichten Kolleg:innen und Freund:innen die Festschrift „Widerständigkeiten des Alltags – Beiträge zu einer empirischen Kulturanalyse„.
Forschungsschwerpunkte
Schönbergers Forschung konzentriert sich auf Erinnerungskulturen, Fragen der Transkulturalität – insbesondere in Alpen-Adria-Region –, den Wandel von Arbeit und Alltag, Digitalität sowie Protestkulturen; ein weiterer Schwerpunkt ist die kulturwissenschaftliche Technikforschung. Zugleich fühlt er sich einer Historischen Anthropologie verpflichtet, die eng mit der Geschichtswerkstättenbewegung verbunden ist und deren politischen Anspruch er mitformulierte. Er plädiert für eine Angewandte Kulturwissenschaft, die Theorie nicht gegen Praxis ausspielt, sondern umgekehrte davon ausgeht, dass es ohne Theorie auch keine gute Berufspraxis geben kann.
Für die Analyse des Wandels der Mediennutzung (etwa Amateurfilme, Social Media, Weblogs) schlug er die Denkfigur „Persistenz und Rekombination“ vor. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde die von ihm herausgegebene Kulturgeschichte des Bankraubs (Va Banque. Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte, 2001).
Er warb Drittmittel u. a. des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), des Schweizerischen Nationalfonds (SNF), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des EU-Programms Horizon 2020 ein. Von 2016 bis 2019 leitete er das Horizon-2020-Projekt TRACES – Transmitting Contentious Cultural Heritages with the Arts, aus dem der von ihm mit Marion Hamm herausgegebene Band Contentious Cultural Heritages and Arts: A Critical Companion (2021) hervorging. In seiner Auseinandersetzung mit dem „Dispositiv Kärnten/Koroška“ analysiert er die kulturellen und politischen Dynamiken der Region und wirkt an der kritischen Aufarbeitung einer deutsch-national Geschichtsschreibung („Kärntner Wissenschaft“) mit. Von 2023-2027 leitet er das östereichisch-slowenische FWF-Weave-Projekt „Discourses and Practices of the In-Between in the Alps-Adriatic Adriatic Region: Klagenfurt, Ljubljana and Trieste 1815–1914. A Transnational, Interdisciplinary Co-Research Project“ und beteiligte sich an dem heuristischen Konzept des Doing-In-Between, mit dem die Alltage historischer Subjekte historisch-anthropologisch zu erschließen versucht werden.
Kunst und Wissenschaft
Ein durchgängiges Interesse Schönbergers gilt der Ko-Produktion von Empirischer Kulturwissenschaft und Kunst. In verschiedenen Rollen – als Autor, Konzeptentwickler, Regisseur oder Produzent – war er an künstlerisch-wissenschaftlichen Projekten beteiligt, darunter das FWF-Projekt Performing Reality zum 100. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung (2018–2021), die Diskurs-/Theaterarbeit Das andere Land (2018) sowie die Theater-Prozession Šteinacher – Hamsuchung (2021). Auch die vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekte zu Handyfilmen und zur Wahrnehmung des öffentlichen Raums („Mit Kopfhörern unterwegs“) verbanden ethnografische und künstlerische Zugänge. 2026 trat er als Mitglied des Theaterkollektivs Urangst mit Vergnügen, als Autor und Regisseur bei der Durchführung der Theaterproduktion „Lei Lossn oder Letzte Generation der Kärntner Seele“ in Erscheinung.
Gesellschaftliches Engagement und Kontroversen
Schönberger war am Aufbau der bundesdeutschen Geschichtswerkstättenbewegung beteiligt. 1979 gründete er als Student mit Horst Steffens, Ingrid Steffens und Stefan Beck einen Arbeitskreis zur Heimatgeschichte der Arbeiter in Marbach am Neckar (1984 umbenannt in „Alexander-Seitz-Geschichtswerkstatt“). Aus diesem Interesse an der Arbeiterbewegungskultur gingen auch seine ersten Publikationen und seine Dissertation hervor.
Er bezieht öffentlich Stellung zu Themen wie Rassismus, Migration, Volkskultur und Erinnerungspolitik, was ihn wiederholt in mediale Auseinandersetzungen insbesondere mit rechten und rechtsextremen Kreisen rückte. Nachdem Mitglieder der Identitären Bewegung im Juni 2016 eine Lehrveranstaltung an der Universität Klagenfurt gestört hatten, wirkte er an der universitären Reaktion mit, unter anderem an der Resolution „Gegen die ethnokulturelle Identität und für ein gemeinsames und gutes Leben“ von Senat, Rektorat und Betriebsrat. In der Folge versuchten Akteure aus dem rechten Spektrum, insbesondere über die Wochenzeitung Zur Zeit, ihn wiederholt zu diffamieren.
m Juni 2020 lösten Äußerungen Schönbergers in einem Interview zum Gedenken an den sogenannten Kärntner Abwehrkampf und zur jahrzehntelangen Instrumentalisierung der Erinnerung an das Plebiszit von 1920 heftige Reaktionen der FPÖ aus. Darin verwies er auch auf ideologische Kontinuitäten zum gegenwärtigen Rassismus in Kärnten/Koroška. In einer parlamentarischen Anfrage an den Nationalrat versuchte die FPÖ seine wissenschaftliche Arbeit zu denunzieren.
2024 warf ihm Andreas Mölzer, der für seine ideologische Nähe zum antisemitischen Burschenschaftsmilieu bekannt ist, vor, die Kärntner Geschichte nach „woken“ Gesichtspunkten umschreiben zu wollen. Schönberger betont hingegen die Notwendigkeit, die jahrzehntelange deutschnationale Erinnerungspolitik – eine Geschichte Kärntens ohne Koroška – ebenso zu rekonstruieren wie die Dämonisierung des Partisanenwiderstands.
2026 verfasste Schönberger im Zuge der Debatte um ein unter einer rassistischen Bezeichnung vertriebenes Schokoladenprodukt der Klagenfurter Konditorei Zehrer den offenen Brief Rassismus ist kein Traditionswert, der die Geschäftsführung zur Umbenennung des Produkts aufforderte. Der Brief wurde von mehr als 250 Personen unterzeichnet, darunter Landeshauptmann a. D. Peter Kaiser, der frühere evangelische Superintendent Manfred Sauer, die gegenwärtige Rektorin der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt / Celovec Ada Peller und der emeritierte AAU-Rektor Oliver Vitouch.
Mitgliedschaften und Funktionen
- Vorsitzender des Fachbeirats Volkskultur im Kulturgremium des Landes Kärnten (seit 2023)
- Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft und Volkskunde (ÖGEKW) (2019–2024)
- Gründungsherausgeber (2001) und Mitglied der Redaktion (2001–2021) der sozial- und kulturwissenschaftlichen Webzeitschrift kommunikation@gesellschaft
- Mitherausgeber der Buchreihe Arbeit und Alltag. Beiträge zur ethnografischen Arbeitskulturenforschung (bis 2025) /em>
Weblinks
- Profil an der Universität Klagenfurt
- ORCID-Profil (Publikationen und Projekte)
- Blog „Kulturanalyse des Alltags“ (Der Standard)
Quellen
- „Identitäre stürmten Vorlesung an Uni Klagenfurt“. In: Der Standard, 2. Juni 2016. derstandard.at
- „Kulturanthropologe: ‚Es ist rational, nach unten zu treten‘“. Interview, Der Standard, 24. Februar 2019. derstandard.at
- „Abwehrkampf: FPÖ kritisiert Uni-Professor“. ORF Kärnten, 16. Juni 2020. kaernten.orf.at
- Parlamentarische Anfrage 1265/J, XXVII. GP, 23. Juni 2020. parlament.gv.at
- Klaus Schönberger: „Rassismus ist kein Traditionswert“ (offener Brief). IG Kultur Kärnten, 24. Juni 2026. kaernten.igkultur.at