Analysen – Argumente – Interventionen

Klaus Schönberger

Nationalfeiertag im Lichte von „Mila / Marija“

Am Abend des 25. Oktober 2026, am Vorabend des Nationalfeiertags, zeigte die Viennale im ausverkauften Gartenbaukino Andrina Mračnikars Spielfilm „Mila / Marija“ (Österreich, Slowenien, Griechenland 2026, 115 min).1 Der Film erzählt von Mila und ihrem Bruder Hanzi, die sich während des Zweiten Weltkriegs den Kärntner slowenischen Partisan:innen anschließen. Unter dem Decknamen Marija wird Mila Kommandantin einer Einheit. Die Erzählung reicht über den Mai 1945 hinaus in die Nachkriegsjahre, in denen die slowenischsprachige Bevölkerung Kärntens erneut um ihre Rechte kämpfen musste.2 Regulär kommt der Film am 15. Jänner 2027 in die österreichischen Kinos.

Der 26. Oktober ist ein Feiertag der Neutralität. Er erinnert an den Beschluss des Neutralitätsgesetzes 1955 und damit an die außenpolitische Selbstbindung des wiedererrichteten Staates. Mit der Geschichte des Widerstands verbindet ihn der Staatsvertrag vom 15. Mai 1955, mit dem Österreich seine volle Souveränität wiedererlangte und der die Voraussetzung für die Neutralitätserklärung war. Sein Artikel 7 sichert den slowenischen und kroatischen Minderheiten in Kärnten, im Burgenland und in der Steiermark eigene Organisationen, Versammlungen und Presse in ihrer Sprache, Elementarunterricht in der Minderheitensprache und die Zulassung des Slowenischen beziehungsweise Kroatischen als Amtssprache zusätzlich zum Deutschen. Diese Zulassung gilt in den Verwaltungs- und Gerichtsbezirken mit slowenischer, kroatischer oder gemischter Bevölkerung, und für diese Bezirke sieht der Artikel auch zweisprachige topographische Bezeichnungen vor.3

Die Vorgeschichte reicht bis 1943 zurück. Die Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943 stellte die Wiederherstellung eines freien und unabhängigen Österreich in Aussicht. Zugleich hielt sie Österreich seine Mitverantwortung für die Teilnahme am Krieg vor und kündigte an, bei der endgültigen Regelung werde sein eigener Beitrag zur Befreiung berücksichtigt. Die österreichische Politik nach 1945 griff vor allem die Rede vom ersten Opfer auf und suchte für den eigenen Beitrag Belege, etwa mit dem 1946 veröffentlichten „Rot-Weiß-Rot-Buch“. Die in der Deklaration benannte Mitverantwortung fand keinen Eingang in den Staatsvertrag: Auf österreichisches Betreiben wurde die entsprechende Klausel am Vortag der Unterzeichnung aus der Präambel gestrichen.4 Die Opferthese selbst gehörte von Beginn an zur Staatsgründung. Heidemarie Uhl hat beschrieben, wie sich ihre politische Deutung um 1949 verschob, als im beginnenden Kalten Krieg die ehemaligen Nazis politisch reintegriert wurden. Der Opferbegriff löste sich dabei von den politisch Verfolgten und vom Widerstand und weitete sich zu einer nationalen Erzählung, in die auch die Nazi-Wehrmachtsgeneration einbezogen werden konnte.5

Der Widerstand der Kärntner Slowen:innen hatte in keiner dieser Fassungen der nationalen Opfererzählung einen Platz. Er war Resultat von Verfolgung und Drangsalierung: aus der Germanisierungspolitik nach dem „Anschluss“, aus Desertion und Flucht vor dem Wehrdienst und aus der Deportation slowenischer Familien, die am 14. April 1942 begann und mehr als tausend Angehörige der Volksgruppe traf.6 Der Widerstand wurde seit dem Sommer 1942 im Rahmen der slowenischen Befreiungsfront (Osvobodilna fronta) organisiert. Ohne politische und logistische Unterstützung aus Slowenien, so Augustin Malle, wäre dieser Aufbau anfangs nicht möglich gewesen.7 Die Partisanengruppen in Kärnten waren programmatisch und operativ in die jugoslawische Partisanenbewegung eingebunden. Die Zahl der Kärntner Slowen:innen unter den Kämpfenden wird auf 600 bis 800 geschätzt.8 Sie kämpften gegen das NS-Regime und für den Fortbestand ihrer Sprache und ihrer Volksgruppe, in einem Organisationszusammenhang, der über die Wiedererrichtung Österreichs hinauswies. Diesen Widerstand nachträglich zum österreichischen Beitrag im Sinne der Moskauer Deklaration zu erklären, hieße die nationale Vereinnahmung mit umgekehrtem Vorzeichen zu wiederholen.

Umstritten ist, welches Gewicht den jugoslawischen Gebietsansprüchen und dem slowenischen Partisanenwiderstand bei der Aufnahme von Artikel 7 zukam. Jürgen Pirker und Linda Hofmeister führen die Minderheitenrechte auf die erneuten jugoslawischen Gebietsansprüche nach 1945 zurück.9 Valentin Sima, dessen Einschätzung Augustin Malle beim Widerstandssymposion des Parlaments 2005 referierte, geht weiter: Der slowenische Widerstand habe gemeinsam mit diesen Ansprüchen entscheidend zur Aufnahme des Artikels beigetragen.10 Der Zusammenhang zwischen jugoslawischer Politik und Minderheitenschutz ist belegt. Der Anteil des Partisanenkampfes erscheint naheliegend, wenn u.U. auch nur implizit.

Am 8. Mai 1945 zogen Partisaneneinheiten nahezu zeitgleich mit britischen Truppen in Klagenfurt ein.11 Der Film widmet sich auch der Zeit danach: der britischen Besatzungspolitik, der raschen Rückkehr ehemaliger Nazis in Ämter und Öffentlichkeit, die Robert Knight insbesondere in Bezug auf die 1950er Jahre als regelrechte „Renazifizierung Kärntens“ beschreibt12, und der Demonstration von 1946, deren historische Darstellung noch nicht erfolgt ist. In der deutschsprachigen Kärntner Öffentlichkeit werden bis heute vor allem die Verhaftungen vom Mai 1945 gegen den Partisanenkampf insgesamt angeführt, zuletzt in den Angriffen auf das Erinnerungsjahr 2025.13 Die „Amtliche Darstellung“ der Sicherheitsdirektion für Kärnten von 1952 nennt 263 in Kärnten verhaftete Männer und Frauen, von denen 96 als verschollen gelten. Britische Akten und frühere Listen lassen auf vermutlich mehr als 350 Verhaftete schließen, von denen mehr als die Hälfte noch im Mai wieder freigelassen wurde.14 Marjan Linasi bezieht diese Vorgänge ausdrücklich in seine Darstellung ein.15 Auch der Film thematisiert diesen Sachverhalt. In der kärntnerdeutschen Lesart der Verhaftungen bleibt ausgeblendet, dass es sich bei den Verhafteten großteils um NSDAP-Funktionäre handelte, die die britische Besatzungsmacht selbst als „staunch National Socialists“ einstufte.16

Die Rechte aus Artikel 7 standen nun auf dem Papier, ihre Umsetzung blieb aber jahrzehntelang umkämpft. Das zeigten die Auseinandersetzungen um das zweisprachige Schulwesen in den 1950er und 1980er Jahren, der Ortstafelkonflikt der 1970er Jahre und sein erneutes Aufbrechen nach dem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs von 2001. Erst 2011 wurde eine Vereinbarung zur Ortstafelfrage im Verfassungsrang getroffen.17 2020 entschuldigte sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Volksgruppe dafür, dass sie so lange um die ihr zugesicherten Rechte hatte kämpfen müssen.18

„Mila / Marija“ macht diese Geschichte dort sichtbar, wo sie sich am wenigsten in eine Staatserzählung fügt: in den Entscheidungen einer jungen Frau, die im Krieg und danach zwischen Anpassung und Widerstand wählen muss. Am Vorabend des Nationalfeiertags gezeigt, erinnert der Film daran, dass die Souveränität von 1955 untrennbar mit Minderheitenrechten für die slowenische und kroatische Volksgruppe verbunden ist, deren Kernbestimmungen seit 1964 im Verfassungsrang stehen und deren Umsetzung nicht nur Jahrzehnte in Anspruch nahm, sondern trotz der Entschuldigung des Bundespräsidenten bis heute nicht vollständig erfolgt ist.19 „Mila / Marija“ leistet damit, was die offiziellen Repräsentant:innen Österreichs am Nationalfeiertag ungern tun: Der Film erinnert den Feiertag daran, dass er sich erinnern muss.


1Viennale 2026, Mila / Marija, https://www.viennale.at/de/film/mila-marija (Vorführung am 25.10.2026, 18 Uhr, Gartenbaukino) und https://klausschoenberger.net/2026/10/26/miha-marija/

2Filmhaus/Filmcasino Wien, Mila / Marija, https://www.filmhaus.at/film/mila-marija/

3Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich, BGBl. Nr. 152/1955, Art. 7, https://www.ris.bka.gv.at/eli/bgbl/1955/152/A7/NOR12005177

4Helmut Wohnout: Die Mitschuldklausel und Österreich als NS-Opfer. Zur Ambivalenz der österreichischen Opferthese am biografischen Beispiel Leopold Figls. In: Stefan Karner/Alexander O. Tschubarjan (Hg.): Die Moskauer Deklaration 1943. „Österreich wieder herstellen“. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2015 (Kriegsfolgen-Forschung 8); dazu im selben Band Günter Bischof: Die Moskauer Deklaration und die österreichische Geschichtspolitik.

5Heidemarie Uhl: Referat zur Moskauer Deklaration, Alfred Klahr Gesellschaft 2003, https://www.klahrgesellschaft.at/Referate/Uhl_2003.html

6Jürgen Pirker/Linda Hofmeister: Volksgruppenfrage(n) in Kärnten. Plattform Politische Bildung des Kärntner Landtags, 2016, https://plattform-politische-bildung.at/wp-content/uploads/2016/07/3_Volksgruppenfragen-in-K%C3%A4rnten.pdf; zum Beginn der Deportation: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Mitteilungen Folge 177, https://www.doew.at/cms/download/7murt/177.pdf

7Bericht über das Referat von Augustin Malle, Parlamentskorrespondenz Nr. 24 vom 19.01.2005, https://www.parlament.gv.at/aktuelles/pk/jahr_2005/pk0024; publiziert als Augustin Malle: Widerstand unter schwersten Bedingungen. Kärntner Slowenen im Widerstand. In: Stefan Karner/Karl Duffek (Hg.): Widerstand in Österreich 1938–1945. Die Beiträge der Parlaments-Enquete 2005. Graz/Wien 2007, S. 111–123.

8Wolfgang Neugebauer: Der österreichische Widerstand 1938–1945. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, https://www.doew.at/cms/download/2ob0q/wn_widerstand-2.pdf

9Pirker/Hofmeister (wie Anm. 6).

10Bericht über das Referat von Augustin Malle (wie Anm. 7).

11Neugebauer (wie Anm. 8).

12Robert Knight: Politik der Assimilation. Österreich und Kärntner Slowenen nach der NS-Herrschaft. Wien/Hamburg 2020, S. 201.

13Klaus Schönberger: „Immer-noch-Sturm“-Trupps? Eine Positionsbestimmung angesichts der geschichtspolitischen Angriffe auf das Erinnerungsjahr 2025 in Kärnten/Koroška. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LXXIX/128 (2025), Heft 2, S. 35–56, hier S. 41–43, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:at:at-vkw-195106

14Brigitte Entner: Vergessene Opfer? Die „Verschleppten“ vom Mai 1945 im Spiegel regionaler Geschichtspolitik. In: Wolfgang Petritsch, Wilfried Graf, Gudrun Kramer (Hg.): Kärnten liegt am Meer. Konfliktgeschichte/n über Trauma, Macht und Identität. Klagenfurt 2012; online: https://spz.slo.at/sl/688/vergessene-opfer-die-verschleppten-vom-mai-1945-im-spiegel-historischer-aufarbeitung-und-regionaler-geschichtspolitik

15Marjan Linasi: Die Kärntner Partisanen. Der antifaschistische Widerstand im zweisprachigen Kärnten unter Berücksichtigung des slowenischen und jugoslawischen Widerstandes. Aus dem Slowenischen von Marica und Michael Kulnik. Klagenfurt/Celovec: Hermagoras 2013.

16Brigitte Entner: „Feinde Kärntens“. Zur Konstruktion des Bildes der PartisanInnen in der (Deutsch-)Kärntner Öffentlichkeit. In: Florian Wenninger, Paul Dvořak, Katharina Kuffner (Hg.): Geschichte macht Herrschaft. Zur Politik mit dem Vergangenen. Wien 2007, S. 259–274, hier S. 270; vgl. Nadja Danglmaier, Brigitte Entner, Ute Holfelder (Hg.): Koroška/Kärnten. Wege zu einer befreienden Erinnerungskultur. Wien/Berlin 2022.

17Pirker/Hofmeister (wie Anm. 6).

18Peter Pirker: Der Kärntner Kampf um die Befreiung. Kleine Zeitung, https://www.uibk.ac.at/media/filer_public/f7/3c/f73c466f-123a-4fda-954c-ac7171c57b71/pirker_partisanen_kleinezeitung.pdf

19Europarat, Committee of Experts of the European Charter for Regional or Minority Languages: Sixth Evaluation Report on Austria, MIN-LANG (2026) 11, angenommen am 10. Juni 2026, veröffentlicht am 16. September 2026, bes. Abs. 34 und 39 (Gebrauch des Slowenischen vor Gerichten und Verwaltungsbehörden), https://rm.coe.int/min-lang-2026-11-6th-ecrml-evaluation-report-on-austria-en/48802da88d

Kommentar verfassen